Wie der Felsbrocken seinen Frieden fand

Schon sein ganzes Leben, also zumindest so weit er sich zurückerinnern konnte, lag er weit oben auf dem Berg. Und schon sein ganzes Leben war Nachdenken seine Lieblingsbeschäftigung. Es war ihm eine Freude, über Gott und die Welt zu sinnieren, über Berge und die eigentliche Natur von Felsbrocken und natürlich über den Sinn des Lebens.
Es war schon unendlich lange her, dass er eins mit dem Berg gewesen war und dass dieser Berg eins gewesen war mit den anderen Bergen und dass überhaupt alles eins gewesen war. Daran konnte er sich schon deshalb nicht erinnern, weil es ihn ja damals noch gar nicht gegeben hatte.
Aber jetzt gab es ihn. Er war groß und schwer und er hatte Ecken und Kanten. Da gab es nichts dran zu Rütteln. Was ist mein eigentliches Wesen? Das wollte er unbedingt herausfinden, weil er überzeugt war, dass darin auch das Glücklichsein zu finden sei.

Unser Felsbrocken liebte es nicht nur, alleine in seinem stillen Kämmerlein nachzudenken, sondern befand sich auch gerne in Gesellschaft, besonders wenn er dabei im Mittelpunkt stand und von seinen Einsichten erzählen konnte. Es war ihm eine Freude und eine Lebensaufgabe, den anderen Felsbrocken bei ihrer Suche nach Glück und Frieden weiterzuhelfen.

Einige Felsbrocken hörten ihm auch gerne zu, um etwas von ihm zu lernen. Aber, wie Felsbrocken so sind, erkannten die meisten nicht, wie wertvoll es war, was er zu sagen hatte. Von einem tieferen Sinn des Daseins wollten sie nichts hören. Sie hatten sich mehr oder weniger damit abgefunden, wie ihr Leben verlief, dass Höhen und Tiefen zum Leben dazugehörten und waren der Ansicht, man müsse halt das Beste daraus machen. Sie hatten schon lange aufgehört zu glauben, dass es ein dauerhaftes Glück geben könnte. Im Gegenteil, viele hatten es sich in ihrem Kopf so zurecht gelegt, dass es das Unglücklichsein halt geben müsse, damit man das Glücklichsein überhaupt zu schätzen wüsste.

Es trug zwar zur Zufriedenheit unseres Felsbrockens bei, dass er eine gewisse Zuhörerschaft hatte, die sich für seine Weisheiten interessierte, aber in seinen stillen Momenten quälte es ihn sehr, dass er noch keine Antwort auf die drei wichtigsten Fragen des Daseins gefunden hatte: Wo komme ich her?, Was soll das alles hier? und Wo geht´s überhaupt hin?
Auch wenn er ein gebildeter Felsbrocken war, hatte er doch noch nicht eingesehen, dass er diese Fragen niemals durch Nachdenken würde lösen können. Schon gar nicht erkannte er, dass er mit seinem Denken diese Fragen überhaupt erst erfunden hatte, sie als wichtig eingestuft hatte und sich nun selber damit plagte, die Antworten zu finden. Er war zutiefst überzeugt, sein ihm vorbestimmter Frieden und sein Glück lägen allein darin, diese Fragen zu beantworten. Erst dann habe sein Leben einen Sinn gehabt und der hätte eben darin bestanden, diese Antworten zu finden. So dachte er.

Hätte unser Felsbrocken nur auf den noch größeren Felsbrocken gehört, der sich noch ein gutes Stück weiter oben auf dem Berg befand. Der hatte sich alle Mühe gegeben, ihm klar zu machen, dass er sich auf dem Holzweg befände. Er hatte versucht, ihm zu zeigen, dass sein Frieden nicht auf diese Weise zu finden sei, sondern dass er sozusagen direkt vor seiner Nase läge bzw. dass sein Frieden ihm sogar noch näher sei als seine Nase.
Unser Felsbrocken hatte jedoch nur eine Zeitlang zugehört, eben so lange, bis er geglaubt hatte, er habe das Wesentliche verstanden und den Rest werde er schon selber herausfinden. So sind die meisten Felsbrocken halt.

Aber das Schicksal war ihm gnädig. Es kam zu einigen Ereignissen, die unseren Felsbrocken zumindest zu der Ansicht kommen ließen, er habe die Antworten auf die Fragen gefunden. Und mehr brauchte er ja seiner Meinung nach nicht, um seinen Frieden zu finden.

Der Antwort auf die erste Frage kam er näher, weil er es liebte, des Nachts den bestirnten Himmel über sich zu betrachten. Außer den Sternen und den Planeten, deren langsame Bewegungen am Firmament ihm längst aufgefallen war, gab es ab und zu so leuchtende Streifen, die nach kurzer Zeit wieder verglühten. Er hatte lange damit nichts anfangen können, aber als er einmal bei Tageslicht das Glück hatte zu erleben, dass ein Meteorit mittlerer Größe zum Glück in gehöriger Entfernung von ihm auf einem gegenüberliegenden Berg einschlug, blitzte die Erkenntnis in ihm auf: Die Streifen, das sind fliegende Felsbrocken! Wir kommen aus dem All! Ich komme aus dem All!

Sein Glück über diese Einsicht kannte keine Grenzen. Wie Felsbrocken so sind, war er gleich felsenfest davon überzeugt, die erste große Frage des Daseins beantwortet zu haben. Die Frage nach unserem Ursprung ist geklärt! Und es ist offensichtlich wahr, er hatte es ja mit eigenen Augen gesehen. Das musste er sofort allen weitererzählen.
Einige seiner Zuhörer waren denn auch ganz begeistert über diese Sichtweise und lauschten fasziniert seiner Erklärung. Wie immer schauten jedoch die meisten Felsbrocken in seiner Umgebung nur skeptisch drein oder schüttelten den Kopf angesichts dieser verrückten Idee.

Trotz der Begeisterung darüber, das erste seiner drei Probleme gelöst zu haben, war dem Felsbrocken doch ganz klar, dass die zweite und dritte Frage noch viel wichtiger waren als die erste. Die Vergangenheit liegt hinter uns, von viel größerer Bedeutung sind die Gegenwart und die Zukunft. Was soll das alles hier und wo soll das hinführen?
Auch hier hätte es ihm geholfen, wenn er dem größeren Felsbrocken über ihm länger zugehört hätte. Dann hätte er vielleicht angefangen zu verstehen, dass Zeit nur ein Vorstellung seines Denkens war, ein Versuch des beschränkten Denkens, Ordnung in das zu bringen, was es erlebt. Das Sein an sich kennt weder Vergangenheit noch Zukunft, es kennt nur das zeitlose Jetzt. Aber nur sehr wenige Felsbrocken sind bisher so tief in das Wesen der Dinge und des Seins eingedrungen, dass diese Einsicht ihr Dasein hätte prägen können. Also suchte er weiter nach seiner Bestimmung im Hier und Jetzt grübelte darüber, was der längerfristige Sinn des Lebens sei.

Bald sollte unser Felsbrocken jedoch auch hier Frieden oder, sagen wir, Zufriedenheit finden. Er lag nämlich keineswegs sicher an seinem Standort. Die natürliche Verwitterung des Gesteins hatte ihn nicht nur von seiner festen Verbindung mit dem Berg an sich gelöst, sondern auch den Untergrund gelockert. So kam es, dass der Felsbrocken sich irgendwann in Bewegung setzte. Das heißt, er hatte natürlich gar nichts getan, um in Bewegung zu kommen, sondern er hatte den Halt verloren und die Schwerkraft bewirkte, dass er den Berg hinabkollerte.
Das Rollen war für ihn zuerst eine etwas verwirrende und auch erschreckende Erfahrung, und genau diese innere Erschütterung hatte er eventuell gebraucht, um in diesem Ereignis plötzlich die Antwort auf die beiden verbleibenden Fragen vor sich zu sehen.
Als er nämlich den Berg hinabrollte, wusste er sofort: „Ah, da geht´s lang! Das ist meine Aufgabe. Ich soll rollen.“ Und das Ankommen unten im Tal verstand er sofort als das Ankommen am Ziel seines Lebens, von dessen Existenz er ja schon immer überzeugt gewesen war. Hier fand er die ewige Ruhe. Denn noch tiefer, als da wo er angekommen war, konnte er nicht rollen. Das war´s also. Er hatte nicht nur die letzten Fragen des Seins beantwortet, sondern auch sein Ziel erreicht. Unsere Lebensaufgabe ist es offensichtlich, den Berg runter zu rollen und dann unten liegen zu bleiben.

Dort lag er dann also für den Rest seiner Tage. Auf die anderen Felsbrocken, die sich noch auf dem Berg weiter oben befanden, schaute er mit wohlwollendem Mitgefühl. Sie würden schon noch dahin kommen, wo er gelandet war.
Natürlich versuchte er, ihnen klar zu machen, dass es ihre eigentliche Bestimmung sei, den Berg runter zu rollen, um im Tal ihren Frieden zu finden. Aber die meisten waren so weit weg, dass sie ihn kaum verstanden. Und die, die ihn hören konnten, hatten nur ein nachsichtiges Lächeln für ihn übrig.
Auch die Felsbrocken, die entweder schon lange vor ihm im Tal angekommen waren oder nach ihm erst unten ankamen, wollte er an seinen tiefen Einsichten teilhaben lassen. Doch wie schon früher interessierte es wieder kaum jemanden.

Nur wenn er ganz genau hinschaute, trübte es etwas sein Glück und seine Zufriedenheit, dass so wenige ihn verstanden oder sich für seine Weisheiten interessierten. Daraus hätte er ersehen können, dass er noch nicht den letztendlichen Frieden des Daseins gefunden hatte. Aber die meiste Zeit schaute er nicht so genau hin, hielt sich für glücklich und strahlte das auch nach außen hin aus. Das, was er gefunden hatte, war immerhin mehr Glück und Frieden, als die meisten Felsbrocken finden, und wir wollen uns mit ihm darüber freuen und es ihm gönnen.

Mit der Zeit, die es ja doch irgendwie gibt, war unser Felsbrocken wie alles der natürlichen Verwitterung ausgesetzt, und diese ließ ihn und mit ihm auch seine Vorstellungen vom Sinn des Lebens allmählich zerbröseln. Dann war da nichts mehr, was glücklich oder unglücklich hätte sein können. Nichts mehr, was sich Fragen gestellt hätte und sich dann bemüht hätte, sie zu beantworten. Das war der Frieden, den unser Felsbrocken gesucht hatte, den er schließlich gefunden hat, als es ihn nicht mehr gab.
Er hätte ihn zwar auch schon viel früher finden können, aber im Großen und Ganzen macht das keinen Unterschied.