z-Machen, können und fühlen

Machen, können und fühlen

von Ernst Adams

 

Am Anfang steht das Tun: strecken, öffnen und kräftigen. Die Menschen kommen überwiegend zu Yoga wegen körperlicher und seelischer Beschwerden, und wenn sie Iyengar-Yoga wählen, lernen sie in der Regel, diese durch hauptsächlich körperliche Übungen zu lindern. Nur wenige kommen mit der Absicht, mit Hilfe der Asanas ihren Körper fühlend zu erfahren und auf diesem Wege ihr Selbst zu erforschen.

Mit dem Befolgen von Anweisungen beginnt also der Yogaweg. Viele Yogaübungen sind für die meisten Menschen erstmal schmerzhaft und anstrengend, so dass wenig Neigung besteht, sich in das Fühlen zu vertiefen, es ist mehr ein Aushalten. Man nimmt das Unangenehme auf sich, um nachher weniger Schmerzen zu haben als vorher.

Sehr bald taucht dann vielleicht der Wunsch auf, die Asanas zu „können“. Der Ehrgeiz wächst, seinen Körper zu beherrschen, schöne Übungen machen zu können, alles richtig zu machen. Den dabei auftretenden körperlichen Empfindungen gilt nicht das Hauptinteresse.

 

Wer etwas Neues lernen will, ist froh, wenn er einen guten Lehrer findet. Wir Yogaübenden können von Glück sagen, dass es B.K.S. Iyengar gegeben hat. Er hat jedes Asana bis in die kleinsten Feinheiten erforscht und herausgefunden, worauf es beim Üben ankommt. Dank seiner Arbeit haben die Asanas eine fassbare Struktur, und es gibt zu jedem eine Unzahl von Anweisungen, die alle zu integrieren viele Jahre in Anspruch nimmt. Mr. Iyengar könnte zu jedem einzelnen Asana ein Buch schreiben, wie es technisch auszuführen ist und was im Körper bei seiner Ausführung geschieht.

Im Iyengar-Yoga wird uns genau gesagt, was wir zu tun haben. Wir müssen nicht verstehen, warum, wir ziehen einfach die Kniescheiben hoch, rollen die Schultern zurück usw. So wie wir Auto fahren und einen PC bedienen können, ohne verstehen zu müssen, wie das Ding eigentlich funktioniert. Was zählt, ist, dass wir die gewünschte Wirkung erzielen und uns hinterher besser fühlen.

Es ist sehr verführerisch und bequem, Vorschriften zu folgen und dann den Nutzen daraus zu genießen. In unklaren Situationen können wir uns im Unterricht auf Iyengar berufen. Das wird so gemacht, weil er sagt, dass es so richtig sei. Wer will oder kann schon die Mühe auf sich nehmen, auch nur ein einzelnes Asana in allen Details daraufhin zu untersuchen, warum es am besten so aussehen sollte, so gemacht werden sollte und nicht anders? Als „impostors“ (Hochstapler) bezeichnete uns Iyengar einmal bei einem Intensive in Pune, und wer könnte von sich sagen, dass das für ihn nicht auch ein bisschen zuträfe?

 

Gibt es nur einen richtigen Weg durch den Dschungel,
oder ist „die Wahrheit ein pfadloses Land“ (J. Krishnamurti)?

 

Ich erinnere mich noch gut, wie uns in meiner Lehrzeit Manouso Manos darauf hinwies, dass es zumindest für ernsthaft Übende, die Yoga als einen spirituellen Weg sehen, auch Nachteile hat, dass ihnen die ganze Technik fix und fertig präsentiert wird. Iyengar musste sich erarbeiten, wie ein Asana auszuführen ist. Ihm stand kaum Vorwissen zur Verfügung. Er hatte nur seinen Körper, sein Fühlen, und er musste alles erst herausfinden. Auch wenn er viel durch seine Schüler gelernt hat, was richtig und falsch ist, hat er doch das meiste in seinem eigenen Körper erforschen müssen. Ausprobieren. Den Empfindungen lauschen. Aus Schmerzen lernen.

Wir profitieren von dem Weg, den Iyengar in den Dschungel geschlagen hat. Er hat die Aufgabe übernommen, in diesem Unbekannten Struktur zu entdecken. Es ist schwer zu glauben, dass er nach eigener Aussage nie in ein Anatomiebuch geschaut hat, aber er war beim Üben und Erforschen auf jeden Fall vor allem auf seine Empfindungen angewiesen. Die Struktur erschloss sich ihm nur durch das Fühlen. Wir dagegen bekommen als erstes die Struktur vorgegeben und üben danach. Durch einfaches Nachmachen werden wir jedoch das tiefe Verständnis, das er vom Körper hat, nicht erreichen, und es besteht die Gefahr, beim Üben an der Oberfläche zu bleiben.

 

 

Erst das Spüren beseelt das Machen

Es hat Jahre gedauert, bis in meinem Üben auch das Fühlen als wesentliches Element einen Platz erhielt. Ich war hauptsächlich damit beschäftigt, Asanas zu können und sie zu perfektionieren. Lernte ich etwas Neues, habe ich es immer sofort als stimmig erkannt. Es gab keinen Grund, eine neue vertiefende Anweisung in Frage zu stellen. Von Seiten meiner Lehrer kam wenig Aufforderung, eigene Erkundungen anzustellen, das gerade Geschehende energetisch zu erfassen. Zu eindeutig und übermächtig war auch in mir die in der Iyengar-Welt vermittelte berechtigte Autorität des Meisters.

Auch Iyengar sprach im Unterricht selten vom Fühlen. Aber zumindest in seinen Schriften kann man lesen, dass das Üben eine Art innere Kommunikation sein sollte. Um eine feine Bewegung ausführen zu können, muss man genau spüren. So fördert das exakte Üben das vertiefte Wahrnehmen. Das genaue Spüren wiederum führt zu einem genaueren Tun.

 

Von vielen Menschen wird Iyengar-Yoga einfach als sehr gute (Kranken-)Gymnastik angesehen. Es ist schade, wenn ein Schüler bei dieser Ansicht stehen bleibt. Iyengar sagte sogar einmal: „If you practice yoga for your health, you are not practicing yoga at all.“

Beschränken wir uns in unserem Unterrichten nicht zu sehr auf die Vermittlung von Technik, das Beibringen eines Könnens? Warum z. B. nicht mal schweigen, die Schüler sich selbst überlassen und sie zum inneren Erforschen anregen?

 

Kann über das innere Erleben nicht gesprochen werden?
Ist es besser, wenn jeder das selber entdeckt?

 

Es ist ein Wagnis, sich ins Fühlen zu begeben. Man „merkt“ sehr bald, dass man keine Ahnung hat, nichts versteht. Die gefühlte Welt ist etwas Unbekanntes. Sicherheit ist nicht zu haben, und das bereitet uns Unbehagen. Der Weg da hinein ist ein Unterfangen, das kein Ende hat, kein endgültiges Ergebnis. Wahres Yoga ist Selbsterforschung in diesem Sinne.

Dabei ist es eine tägliche Aufgabe, der Verführung zu widerstehen, etwas Gelerntes zu wiederholen. Das Verständnis für die anatomische Struktur und die Dynamik eines Asanas ist nur der Ausgangspunkt für die innere Reise.

 

Wie fühlt es sich an, in Trikonasana zu stehen?
Halte diese Frage in dir!
Achte nicht auf das, was das Denken dazu sagt.
Eine Antwort kann nur aus dem nichtsprachlichen Bereich kommen.

 

Beim ganzheitlichen Erfassen eines Asanas geht es um mehr als das Wahrnehmen der oberflächlichen Empfindungen von Dehnung, Druck oder Schmerz. Aber auch hier kann das bewusste Hineinfühlen einen Unterschied machen. Die Bewertung „schmerzhaft“ mit dem daraus folgenden Leiden wird nämlich im Kopf gemacht und ist von daher beeinflussbar. Der Körper hat keinen Schmerz, könnte man sagen, sondern leitet nur über die Nervenbahnen Empfindungen an das Gehirn. Dieses hat dann die Aufgabe, die empfangenen Signale zu deuten und als wohltuend oder unangenehm zu bewerten. Situationen, die unsere körperliche Integrität gefährden, können wir so sofort begegnen.

Einzusehen, dass es für die eigene Gesundheit ratsam ist, den Schmerz einer Muskeldehnung auszuhalten, hilft dabei nur in geringem Maße, das Leidhafte daran zu mildern. Was eine grundlegende Veränderung bewirken kann, ist eine Änderung der inneren Umgehensweise mit der unangenehmen Empfindung. Wer sich einem intensiven Dehngefühl zuwendet, sozusagen fühlend seine Struktur untersucht, wird zwar den Schmerz nicht los, aber das Unangenehme daran tritt in den Hintergrund und ist sogar vergessen, wenn die Hinwendung zum Gefühl ganz ist. Wer wirklich fühlt, leidet deutlich weniger oder gar nicht mehr.

Das allein könnte schon Motivation genug sein, dem fühlenden Wahrnehmen beim Üben einen großen Platz einzuräumen. Viel bedeutsamer ist jedoch, dass sich – nicht nur im Üben, sondern auch allgemein – die existentielle Tiefe des Seins nur dem erschließt, der alle seine Sinne einsetzt.

 

 

Ist die gefühlte Welt jedes Einzelnen verschieden?

Patanjali hat den Weg und das Ziel von Yoga beschrieben. In den Sutren II, 46 und 47 heißt es: Sthira-sukham âsanam. (Asana ist stabil und angenehm.) Prayatna-shaithilyânanta-samâpattibhyâm. (Nachlassen von Anstrengung, Verschmelzung mit dem Unendlichen.) Der Möglichkeit der Erfahrung von etwas Größerem muss Raum gegeben werden; sie wird eventuell verpasst, wenn das Üben zu sehr auf das Machen und Können ausgerichtet ist.

 

Das Mysterium des Lebens kann nicht mit dem Denken erfasst werden. Ebenso entzieht sich das wesentliche Erleben im Üben der sprachlichen Beschreibung. Es kann nur angedeutet werden. Aber die Neugier seiner Schüler dafür zu wecken, dass es im Yoga um mehr geht als Gesundheit, um mehr als den Körper, sollte ein Lehrer nicht versäumen.

Ein guter Lehrer gibt einen klaren Weg vor, aber er weist auch darauf hin, dass allein das Nachfolgen auf dem Weg nicht ausreicht. Er motiviert seine Schüler zu einem selbständigen Erkunden. Wer den Dschungel kennenlernen will, muss seine Augen und Ohren offen halten. Einfach einer guten Wegbeschreibung zu folgen, macht noch keinen spirituellen Weg aus.

Eine selbst entdeckte Wahrheit ist unendlich viel mehr wert als eine, die man übernimmt. Nur wer in Frage stellt, kommt zu eigenen Antworten.