z-Die Freiheit des Schülers

Die Freiheit des Schülers

von Ernst Adams

 

Wer ein Handwerk oder eine Kunst ordentlich erlernen will, geht zu einem Meister in die Lehre. Am Ende wird er nach bestandener Prüfung zum Gesellen und erwirbt nach Jahren des weiteren Lernens vielleicht selbst den Meisterbrief. Im besten Fall schaut er mit Dankbarkeit und Respekt für seine Lehrer auf seine Ausbildungsjahre zurück und trägt eventuell sogar im Lauf seines Lebens zur Weiterentwicklung seines Faches bei. Im Handwerk, in den Künsten, in der Wissenschaft sehen wir im Lauf der Jahrhunderte ein stetiges Fortschreiten, Aufbauen, Erweitern und auch immer wieder grundsätzlich Neues auftauchen. Es sind die später als Genie Bezeichneten, die eine bahnbrechende neue Entwicklung ins Leben rufen. In aller Regel fußt ihre Arbeit auf den Kenntnissen der vorhergehenden Generationen, aber es macht gerade ihre Genialität aus, dass sie mit der Tradition brechen und eine grundsätzlich neue Technik oder Theorie entwickeln.

Im Yoga, besonders im Iyengar-Yoga, sieht es in zweierlei Hinsicht anders aus. Erstens konnte sich B.K.S. Iyengar praktisch nicht auf vorhandenes Wissen stützen. Es gibt keine detaillierten Angaben zur Ausführung von Asanas und Pranayama, auf denen er aufbauen konnte, und nach eigener Aussage hat er von seinem Lehrer T. Krishnamacharya nur äußerst spärliche Unterweisung erhalten. Alles, was heute das Iyengar-System ausmacht, verdanken wir seiner eigenen unermüdlichen Arbeit.

Zum anderen sieht es so aus, als hätte er dieses Fachgebiet so umfassend und tiefgehend erforscht, dass eine Weiterentwicklung oder gar eine grundsätzliche Neuerung durch nachfolgende Generationen unvorstellbar erscheint. Es ist so, als hätte jemand die Mathematik, die Geometrie erfunden, den Satz des Pythagoras sowie alle weiteren Gesetze entdeckt, und uns bleibt nur, sie anzuwenden. Eine vergleichbare Leistung ist wohl in der Wissenschaft oder der Kunst nicht zu finden. Es wird auf lange Zeit niemanden geben, der ein so tiefes Verständnis für die Zusammenhänge des menschlichen Körpers und seiner Energien erwerben wird, um noch etwas wesentlich Neues hinzuzufügen.

Wer Yoga für seine Gesundheit und persönliches Wachstum wählt, ist gut beraten, erstmal zehn, zwanzig Jahre nach Iyengars Empfehlungen zu üben, bevor er auch nur daran denken sollte, davon abzuweichen oder gar eine Neuentwicklung nach eigenen Vorstellungen ins Auge zu fassen. Anderenfalls sollte er sorgfältig überprüfen, ob es ihm da nicht an der Fähigkeit fehlt, sein Ego zurückzustellen und er stattdessen dem Bestreben verfällt, etwas Besonderes sein zu wollen.

 

Die Mehrzahl der Yogaübenden ist wohl vorwiegend daran interessiert, ihre körperliche und seelische Befindlichkeit zu verbessern. Manche mögen mit der wöchentlichen Yogastunde ihr Gewissen beruhigen, wenigstens einmal die Woche etwas für sich selbst zu tun. Für viele bewirkt die detaillierte Beschäftigung mit dem Körper aber auch eine Wendung ihrer Aufmerksamkeit nach innen. Mit dem Erleben innerer Stille kann das Interesse erwachen, sich mehr mit sich selbst und mit existentiellen Fragen zu beschäftigen.

Yoga ist mehr als eine Sammlung von Techniken, die dem Wohlbefinden dienen. Seine Ursprünge liegen in der Frage nach der Essenz des Daseins. Wir können davon ausgehen, dass die ersten Yogis nicht mit Trikonasana und Kopfstand angefangen haben, sondern sie fanden in sich die Frage, ob es ein höheres Wesen gibt, eine irgendwie geartete Kraft oder Energie, die dem Leben zu Grunde liegt. In den noch erhaltenen Schriften aus der Anfangszeit ist nicht von körperlichen Übungen die Rede, Beschreibungen dazu tauchten erst in den letzten tausend Jahren auf. Auch Patanjali, der vor 2000 Jahren die yogischen Erkenntnisse seiner Zeit im Yoga-Sutra zusammengefasst zu haben scheint, spricht nur an einer Stelle von „asana“ (Sitzhaltung) und bezieht sich dabei vermutlich auf die zum Meditieren einzunehmende Haltung.

Yoga bietet einen Weg an, frei zu werden, zum Einssein zu gelangen, zur Erleuchtung, was immer man darunter verstehen mag, einem Zustand, der dem normalen Erleben vollkommen unbekannt ist. Patanjali führt in verknappter Form aber einer klaren Sprache Schritte an, die dorthin führen sollen. Gleich im zweiten Vers nennt er als Essenz des Yoga das Zur-Ruhe-Kommen der geistigen Bewegungen, der Gedanken und der emotionalen Welt in uns. Dies führe dazu, dass der Mensch in seinem eigentlichen Wesen ruhe. Dem kann man entnehmen, dass unsere Verirrtheit und Getrenntheit vom eigentlichen Sein hauptsächlich daher rührt, dass das Denken unser Bewusstsein dominiert und dass dies änderbar ist. Patanjali bietet einen theoretischen Rahmen dafür an, diese Einengung unseres Erlebens rückgängig zu machen und beschreibt die diesen Weg begleitenden Entwicklungen. Eine explizite Methode oder Technik für diesen inneren Prozess kann es jedoch offensichtlich nicht geben, da dieser ja notwendigerweise wieder Denken zugrunde läge. Dabei kann letzten Endes auch kein Lehrer helfen.

 

Die Suche nach Höherem, nach Frieden und immerwährendem Glück im Einssein mit Allem beschäftigt die Menschheit seit Tausenden von Jahren. Bei jedem Naturvolk finden wir Hinweise auf eine Art Gottes- oder Götterglaube, und in der neueren Zeit haben sich die Menschen Religionen geschaffen, die auf Religionsgründer zurückgehen oder sich aus der Tradition entwickelt haben. Sie sind ein selbstverständlicher Teil unserer Kultur. Wir werden schon als Kinder damit vertraut gemacht, so wie mit der Sprache, der Lebensweise und allen Gebräuchen der jeweiligen Gesellschaft. Diese frühe Prägung erschwert eine kritische Sichtweise, und die wenigsten Menschen treffen eine freie, auf reiflicher Überlegung beruhende Entscheidung für die eine oder andere Weltanschauung.

Die Zugehörigkeit zu einer Religion, so wie dieser Begriff heute verstanden wird, befriedigt auf oberflächliche Weise ein tiefes Verlangen nach Sicherheit. Auch verführt die Zugehörigkeit zu einer großen Gemeinschaft dazu, die schwierigen existentiellen Gefühle des Alleinseins und der Einsamkeit zu verdrängen und die Auseinandersetzung damit zu vermeiden. So erschwert der religiöse Glaube die Entwicklung eines Menschen zur Freiheit. Die essentiellen Wahrheiten einer Religion dürfen nicht in Frage gestellt werden, und das verhindert, dass ein Mensch die tiefste Wahrheit in sich findet.

Als Menschen sind wir in ein unsicheres Dasein geworfen. Im besten Fall zwar materiell abgesichert, wissen wir doch nichts über die Zukunft, einen möglichen Sinn des Lebens oder die Bedeutung des Todes. Das Denken kennt das Einssein mit einem möglichen Urgrund nicht. Es ist gerade die Natur des Denkens, dass es trennt. Um zu verstehen, muss man trennen. Wenn alles eins ist, gibt es nichts zu verstehen. Das Denken hat das Ich erfunden und erst das Denken lässt uns unsere Existenz als gefährdet erleben. Aus der Getrenntheit entsteht die Angst und daraus der Drang nach dem Gefühl von Sicherheit. Da wir das Denken in den Vordergrund unseres Seins gestellt haben, ist es für uns nahezu unerträglich, nicht zu wissen. Lieber glauben wir an irgendeine Weltanschauung, als es auszuhalten, dass wir auf die wesentlichen Fragen keine Antworten haben. Dadurch bleiben wir auf der Ebene des Denkens.

 

Wer einen spirituellen Weg wählt oder sich auch nur mit der Frage nach dem Sinn des Lebens beschäftigt, muss sich darüber im Klaren sein, dass dabei die Angst eine der größten Behinderungen ist und genau überprüfen, ob er sich ihr in seinen Entscheidungen nicht bewusst oder unbewusst gebeugt hat. Er muss sich selber ganz genau kennen, seine Gefühle und Emotionen ohne Abwehr anschauen können, um nicht der Verführung zu verfallen, eine angebotene Lösung der existentiellen Fragen vorschnell zu akzeptieren. An erster Stelle steht die Aufgabe, die Angst zu erkennen, ihre Herkunft zu verstehen und ihre Macht zu beenden.

 

Hat sich jemand für Yoga als spirituelle Ausrichtung entschieden, muss er sich die Frage stellen, welchen Platz seine Übungen im Rahmen eines im weitesten Sinne religiösen Lebens einnehmen. Genügt es schon, wenn ich mich täglich ausreichend um meine Gesundheit und geistige Fitness kümmere? Dient es meiner Selbsterkenntnis, wenn ich immer tiefer eindringe in die stimmige Ausführung von Tadasana? Hat das, was ich tue und erlebe beim Üben, einen Bezug zu dem, was jenseits des Weltlichen liegt? Wenn ich Yoga als meinen Weg ansehe, reicht dann das praktische Üben, oder braucht es nicht außerdem die intensive Auseinandersetzung mit meinem inneren Wesen, meinem Umgang mit Emotionen, meiner Beziehungsfähigkeit? Liebe sei die einzige Kraft im Universum, sagte Ramanand Patel einmal, einer der bedeutendsten Schüler Iyengars. Welche Rolle spielen dann Asana und Pranayama? Werden wir allein durch unsere Yogapraxis zu liebenden Menschen?

Wer sich ernsthaft mit Yoga beschäftigt, vielleicht sogar nach Indien reist, erlebt es als eingebettet in die Kultur und Religiösität dieses Landes. Ein Guru ist dort viel mehr als nur ein Lehrer und wird schnell als ein höherwertiges Wesen angesehen. Das Singen von Mantren aus der hinduistischen Überlieferung ist Teil mancher yogischen Feierlichkeit, und zu Beginn einer Yogastunde wird ein Gebet rezitiert. Einiges aus dieser Tradition ist auch im Westen zu finden. Aber ist Yoga für uns eine Religion? Haben wir wirklich einen inneren Bezug zu diesen verehrten Menschen oder angebeteten Gottheiten, oder übernehmen wir manche dieser Rituale lediglich aus Respekt, weil wir folgsame Yogaschüler sind? Hat das etwas mit dem Erreichen vollkommener Freiheit zu tun oder wird damit eine vermeintliche Pflicht erfüllt? Ist damit eine Hoffnung und folglich unweigerlich auch Angst verbunden?

 

Grundsätzlich ist die Frage anzuschauen, wie weit die innere Befreiung eines Menschen vereinbar ist mit dem Befolgen eines Systems und dem eventuell unkritischen Übernehmen der Aussagen eines Lehrers. Besteht nicht die Gefahr, dass der Glaube an den Guru die Klarheit der eigenen Wahrnehmungsfähigkeit beeinträchtigt? Eine gläubige Einstellung führt fast zwangsläufig zur Errichtung eines inneren Gedankengebäudes, das nicht hinterfragt werden darf. Es engt den Schüler an den entscheidenden Stellen seiner Entwicklung ein, und sein eigenes Denken verhindert so, dass er das Wesentliche in sich findet.

Jeder Glaube, jedes Dogma schränkt die Tiefe der Selbsterkenntnis ein. Je fester der Glaube ist, um so mehr wird das Gehirn unbemerkt alle Wahrnehmung ausblenden und eine Einsicht gar nicht erst aufkommen lassen, die mit dem jeweiligen Glauben nicht kompatibel ist. Auch ein Atheist ist nicht frei. Er wird all das nicht wahrnehmen, was möglicherweise seiner Überzeugung widerspricht bzw. sein Gehirn wird eine ihm passende Interpretation dazu liefern.

Wer einem Menschen oder einer Glaubensrichtung folgt, hat Angst, den richtigen Weg nicht selbst finden zu können. Eine Lehrzeit ist für die meisten von uns notwendig und sinnvoll, aber ein Weg kann nur in die innere Freiheit führen, wenn darin auch die Loslösung vom Lehrer vorgesehen ist. Im geistigen, spirituellen Bereich ist Freiheit nicht mit der Unterwerfung unter eine Autorität vereinbar.

Zu glauben, es gebe einen vorgezeichneten Weg zur Erlösung, macht den Geist träge. Offenheit, ein ständiges Hinterfragen, ein Schauen in alle Richtungen ist die Voraussetzung dafür, einen wachen Geist zu behalten. Samadhi, Satori, Erleuchtung setzen einen absolut freien, selbständigen Geist voraus. Nur unabhängig von äußerer Autorität, außerhalb des Rahmens jeglicher Weltanschauung und jenseits der begrenzten Welt unseres Denkens ist die Wahrheit zu finden.